Einleitende Vorträge der BERLINER SOMMER-UNI 2019

34. BERLINER SOMMER-UNI
26. August – 1. September 2019
Kultureller Austausch und Heimat - Was Künste zu Identitäten beitragen


Inhalt



Wolfgang Thierse
Das neue Interesse an Heimat und die Kulturpolitik.

"Man kann ihr nicht entkommen" – so lautete der Titel eines Berichts über die Berlinale diesen Jahres in der "Zeit". Und gemeint war "Heimat – als Innenwelt, als Sehnsuchtsort, als Schreckgespenst", so der Untertitel. (Zeit 7.2.19)

Und einige Wochen vorher konnte man in derselben Wochenzeitung die emphatischen Sätze von Wim Wenders lesen: "Heimat ist ein Wort, dass man gegen all die verteidigen muss, die damit Schindluder getrieben haben. Oder noch tun. Heimatgefühle, Heimatfilm, Heimatliebe, Heimatschutz… Jetzt auch noch Heimatminister! Ojemine!" Der kleine Wendersche Exkurs endet geradezu pathetisch: "Heimat gehört allen, überall auf der Welt! Heimat ist ein Menschenrecht!"

Und ist umstritten wie wenig andere Begriffe, füge ich sofort hinzu. Ich zitiere nur einige Beispiele heftigster Kritik, schärfster Ablehnung.

"Der Begriff Heimat hat seine Unschuld verloren, er ist nicht mehr nur eine harmlose Form der sentimentalen Selbstverortung, sondern ein Begriff der politischen Abschottung geworden", so die Soziologin Cornelia Koppetsch (NZZ, 18.5.19)

"Heimat als politischer Begriff wird in Deutschland nie zu einem Minoritäten einschließenden Begriff kollektiven Erzählens werden können, sondern ist ein Rekurs auf einen vorindustriellen, voraufgeklärten, vorzivilisatorischen Ort" – so das vernichtende Urteil von Shermin Langhoff.

Und im Spiegel meinte Ferda Ataman, Heimat sei Privatsache, das gefühlige Thema tauge nicht für Politik, für Ministerien und Behörden. Die ganze Heimatdebatte gehe "auf unsere Kosten", also auf die Kosten der in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten ins Land Gekommenen.

Und schließlich der von einer Reihe prominenter Intellektueller unterschriebene Aufruf aus dem Sommer letzten Jahres: "Solidarität statt Heimat" – welche bestürzende Entgegensetzung! In dem Aufruf ist anklagend die Rede von weltfremden Phantasien, einer Steuerung von Migration und vom "wohligen Privatglück in der Heimat".

Derart scharfe Ablehnung mag ja verständlich sein, sie ist geschichtlich, intellektuell und emotional durchaus nachvollziehbar. Aber: Abwehr, Verachtung, Verdächtigung von Heimat – zumal so grundsätzlicher Art – sie wirken doch auch arrogant, sie machen blind für kulturelle Wirklichkeiten in unserem Land und sie machen politisch hilflos. Denn der Kampf um Begriffe, neuerdings Framing genannt, ist Teil wirkungsvoller Politik geworden. Schon deshalb muss man den Streit um Heimat annehmen.

Denn, was in Deutschland unter Heimat verstanden, welche Vorstellungen und Gefühle mit diesem Begriff verbunden werden, ist etwas ziemlich anderes als das, was Ideologen und Funktionäre von AfD und Pegida, was Nationalisten, Identitäre und Rassisten darunter verstehen und erzeugen wollen.

Im vorigen Jahr jedenfalls veröffentlichte Allensbach die Ergebnisse einer Umfrage zum Thema. Sie sind von überraschender Eindeutigkeit: "Heimat" ist kein Begriff des rechten politischen Randes. Heimatverbundenheit ist bei Anhängern aller politischen Parteien annähernd gleich stark (mit Ausnahme der Grünen), Heimatliebe ist offensichtlich keine Frage der parteipolitischen Orientierung. Bei "Heimat" denken die Befragten vor allem an Kindheit (87 %), an Familie (87 %), an Freunde (84 %), des Weiteren an alte Zeiten (75 %), an Geborgenheit (72 %). Mit Spießigkeit, mit Zwang und Enge verbinden nur 20 % der Befragten den Heimatbegriff. Ein insgesamt freundlicher Befund, der alle Aufregung zu widerlegen scheint.

Aber diese aufgeregte Debatte gibt es ja trotzdem. "Heimat" ist zum Gegenstand heftiger politischer Auseinandersetzungen und neuer intellektueller Aufmerksamkeit geworden. Warum das so ist, das ist längst Teil der Debatten und wissenschaftlichen Analysen geworden.

Etwas wird wichtig, wenn es nicht mehr selbstverständlich, wenn es bedroht ist. Die radikalen Veränderungsprozesse, die von vielen Menschen als bedrohlich empfundenen Beschleunigungen und Entgrenzungen, die der Begriff Globalisierung zusammenfasst, die Migrationsschübe, die Veränderungen der Arbeitswelt durch die digitale Transformation, die Ängstigungen durch Terrorismus, Gewalt, kriegerische Konflikte, insgesamt das Erleben einer "Welt in Unordnung" – das alles verstärkt auf offensichtlich dramatische Weise das individuelle und kollektive Bedürfnis nach neuen (und auch alten) Vergewisserungen und Verankerungen, nach Identität, nach Sicherheit, eben nach Beheimatung.

Die Gefühle der Unsicherheit, der Gefährdung des Vertrauten und Gewohnten, der Infragestellung dessen, was Halt gibt und Zusammenhalt sichert, insgesamt Entheimatungsbefürchtungen und Zukunftsunsicherheiten – sie sind allerdings höchst ungleich verteilt. So gibt es – drei Jahrzehnte nach Friedlicher Revolution und Deutscher Einheit – eine West-Ost-Ungleichheit der Sicherheiten und Gewissheiten: Nach den ostdeutschen Erfahrungen eines Systemwechsels, eines radikalen Umbruchs sowohl ökonomisch-sozialer wie moralisch-kultureller Art, nach dem vielfachen Erlebnis der Entwertung und des Entschwindens der eigenen Lebenserfahrungen und Lebensleistungen.

Und zur Dialektik der Globalisierung gehört offensichtlich eine neue, vor allem kulturelle Spaltung der Gesellschaft (die allerdings die "älteren" sozialen Spaltungen nicht zum verschwinden bringt). Diese Spaltung wird in unterschiedlicher Terminologie beschrieben: zwischen den "Somewheres" und "Anywheres", zwischen dem "kosmopolitischen", libertären, urbanen Teil der Bevölkerung und dem "kommunitaristischen", lokalorientierten und gebundenen Teil. Wie angemessen diese Termini sind, sei hier nicht diskutiert aber doch festgehalten: Es sind ja nicht die kosmopolitischen Eliten, die Libertären, die auf den Wellen der Globalisierung Surfenden, die Modernisie-rungsschübe erfolgreich Meisternden, die Entheimatungs-befürchtungen und Entfremdungsängste empfinden. Es sind die Anderen, die die Veränderungen durch Globalisierung und durch das Fremde und die Fremden als Gefährdung ihrer vertrauten Lebenswelt, auch als sozialen Verteilungskonflikt erfahren.

Diese Anderen reagieren auf die Öffnung der Grenzen mit dem Wunsch nach neuen Grenzen, mit dem Wunsch zurück zum souveränen Nationalstaat. Sie reagieren auf die postmoderne Vielfalt und den kulturellen Pluralismus mit dem Wunsch nach kultureller Eindeutigkeit von Identitäten, nach verbindlichen Werten, nach nationaler Leitkultur. Man kann auf solche Wünsche mit purer Ablehnung und Verachtung reagieren, was ich allerdings für falsch halte. Die Rechtspopulisten tun das Gegenteil und das erklärt wenigstens zum Teil ihren Erfolg.

Denn Ängste sind soziale und politische Realitäten. Man überwindet sie nicht, in dem man sie für dumm oder einfach unbegründet erklärt. Ängste kann man auch ausbeuten und parteipolitisch instrumentalisieren, die AfD tut das ziemlich erfolgreich. Man kann sie aber auch ernst nehmen und beantworten, also die ängstigenden Probleme zu lösen versuchen. Das müsste – eigentlich selbstverständlich – der demokratische Weg sein. Und das sollte heißen: Das aktuell drängendste, die Gesellschaft immer noch spaltende Problem – die Integration der großen Zahl von Flüchtlingen – verlangt eine doppelte Perspektive, muss als doppelte Aufgabe begriffen und zu lösen versucht werden: Die zu uns Gekommenen sollen, sofern sie hier bleiben wollen und können, heimisch werden im bisher fremden Land – und den Einheimischen soll das eigene Land nicht fremd werden, sondern heimisch bleiben.

Heimisch werden, heimisch sein heißt, die gleiche Chance zur Teilhabe an den öffentlichen Gütern des Landes zu haben, also an Bildung, Arbeit, sozialer Sicherheit, Demokratie und Kultur. Es heißt, menschliche Sicherheit und Beheimatung zu erfahren, was mehr ist als Politik allein zu leisten vermag, sondern Aufgabe vor allem der Zivilgesellschaft ist, ihre Strukturen und Gesellungsformen, von deren Einladungs- oder Abweisungscharakter, also von unserem Engagement, unserer Solidarität als Bürger des Einwanderungslandes Deutschland abhängt, also davon, ob Deutschland eine Einwanderungsgesellschaft zu werden vermag.

Bisher allerdings ist unser Land durchaus in zwei Zivilgesellschaften geteilt, die sich an der Migrationsfrage spalten. Es geht dabei um Zugehörigkeit, um Anerkennung, um Teilhabe und darum, ob es gelingt, einen gemeinsamen Sinn für Zugehörigkeit (Ralf Dahrendorfs "sense of belonging") zu entwickeln. Und es muss darum gehen, die insgesamt geschwächten gesellschaftlichen Kohäsionskräfte wieder zu stärken.

Was hat diese Herausforderung mit unserem Thema, mit Heimatpolitik zu tun?

"Wo Heimat bedroht wird oder zerstört ist, entsteht ein fruchtbarer Boden für den Fremdenhass, nicht wo sie gesicherte Bestandteil der Lebenszusammenhänge ist" – das hat Oskar Negt bereits vor 20 Jahren, im Jahr 1989 so formuliert. Er bezeichnet Heimat als einen Reaktions-Begriff auf die Enteignung der Lebenswelt: "Der Kampf um Heimat ist ein Kampf des tätigen, arbeitenden Menschen für die Vertrautheit einer Welt, in der er sich in den von ihm produzierten Gegenständen, im gegenständlichen gesellschaftlichen Reichtum, wiedererkennt und in seinen Wesenskräften anerkannt findet. Darin liegt der umfassende kritische Sinn von Heimat; deren Urbild bezeichnet gerade die Aufhebung der Trennung von Gefühlen und Denken, der Sinne und der Phantasie, des passiven Sichgehenlassens und des aktiven Eingriffs. Es mag eine Utopie sein, aber sie enthält gewaltige Antriebskräfte des Handelns in den Menschen."

Der Kampf um Heimat in diesem Sinne – prägte und prägt zahllose Aktivitäten der Zivilgesellschaft, prägt die Bürgerinitiativen zur Erhaltung von Stadtteilen und Wohnraum, gegen Atomkraftwerke, Autobahnen, Stromschneisen, gegen die Zerstörung der Lebenswelt, gegen die ökologische Katastrophe – bis hin zu "Fridays for Future". Alles konservativ, ja reaktionär? Wohl nicht.

Das alles war und ist bürgergesellschaftliche Heimatpolitik im vernünftigen Sinne dieses Wortes!

Wer Heimat zum Gegenstand und Ziel von (zumal auch Regierungs-) Politik macht, muss sich gewiss der Gefahren von Ideologisierung und falscher Politisierung von Heimat bewusst sein, die wir gerade auch aus unserer deutschen Geschichte kennen. Denn Heimat ist eben doch mehr als materielle und soziale Infrastruktur, um die Politik sich wahrlich zu kümmern die ständige Pflicht hat.

Heimat meint ja den immer kulturell geprägten Raum der Vertrautheiten und Geborgenheiten, der emotionalen Bindung und Identifikation, der Anerkennung und Wertschätzung, der Selbstverständlichkeiten und Zuordnungen. Heimat meint die Kenntnis von Ort und Herkunft und Geschichte, die Erfahrung von Gemeinschaftlichkeit, die Erfahrung des Geworden- und Geprägtseins und meint zugleich eine Hoffnung in die Zukunft hinein. Sie ist immer auch ein Sehnsuchtsort, wie Ernst Bloch es am Schluss seines monumentalen Werks "Prinzip Hoffnung" unübertrefflich formuliert hat: "Was allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war."

Wie viele Erinnerungen, Erlebnisse, positive Gefühle verbinden sich mit dem Wort Heimat, gar mit einem emphatischen Begriff von Heimat! Und wie sehr entzieht er sich handlicher, operationalisierbarer Definition. Johann Gottfried Herder schrieb: "Heimat ist der Ort, wo ich mich nicht erklären muss". Deshalb ist Heimat wohl auch etwas, das man nicht gänzlich rational erklären, sondern eigentlich nur erzählen kann – in Geschichten, so vielfältig und bunt, wie die Menschen sind. Heimat gibt es eigentlich nur als je meine, je unsere Heimat, nur im Plural, als Heimaten. Man kann sie nicht erzwingen oder gar verordnen. Was soll da "Heimatpolitik" leisten und zustande bringen? Wenn sie das alles freilassen, in Freiheit lassen will, und vernünftigerweise freilassen sollte.

Unterstellt man, wovon ich überzeugt bin, dass alle Menschen (gewiss unterschiedlich intensiv) das Bedürfnis nach Beheimatung haben, dann gibt es eine politische Verantwortung dafür, dass Menschen (möglichst viele, im Idealfall alle) heimisch werden und heimisch sein können, dass sie die Chance zur Beheimatung erhalten, dass ihr Beheimatungsbedürfnis erfüllt werden kann.

Eine solche Vorstellung von Heimat als Prozess und (im weitesten Sinne des Wortes) politische Aufgabe der Beheimatung nimmt dem Heimatbegriff alles Starre, Konservative, Reaktionäre. Heimat als Prozess von Beheimatung(en) ist dann weder sozial noch ethnisch noch religiös exklusiv. Ein solcher Heimatbegriff zielt auf die Kräfte und Dimensionen von Beheimatung, macht diese zum Gegenstand politischer und kultureller Aufmerksamkeit und politischen und kulturellen Handelns.

Dann kümmert sich Politik um die wesentlichen Beheimatungsdimensionen von Menschen, die und insofern sie der politischen Gestaltung und Förderung zugänglich sind. Das beginnt mit der Förderung der Familie, dem ersten Ort der Erfahrung von Zuhause, von Geborgenheit. Geht weiter mit der Sicherung des elementaren Menschrechts auf menschenwürdiges Wohnen. Geht weiter mit dem Schutz der Kindheit, den gleichen Bildungschancen, der fairen Zugänglichkeit zu einem guten Schulsystem für alle Kinder, egal woher sie sozial oder ethnisch oder geografisch kommen. Es folgt der Schutz und die Förderung der Natur, der Umwelt, der Landschaften, der Orte, die uns Vertrautheiten und Wohlbefinden ermöglichen, der Schutz und die Pflege lokaler kultureller Traditionen, der geschichtlich geprägten Räume und Symbole von Gemeinschaftlichkeit auch und gerade gegen zerstörerischen Kräfte von marktgesteuerten "Modernisierungen".

Beheimatungspolitik muss bestimmt sein vom Sinn für soziale Netzwerke, für das Funktionieren und die Lebendigkeit von Gemeinschaftlichkeitsformen. Sie fördert die Vielfalt von Vereinen und Verbänden und das reiche ehrenamtliche Engagement, das ganz wesentlich das erzeugt, was Menschen als ihre Heimat empfinden. Die Pflege dieses sozialen Kapitals muss ein Zentrum von Beheimatungspolitik sein. Zu den wichtigen Beheimatungskräften gehören auch die Kirchen, die Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften, ohne deren ideelle und moralische Motivation und ohne deren soziales Beziehungs-geflecht Heimat für viele Menschen nicht möglich erscheint. Die Kirchengemeinde ist eben Heimat für die Gemeinschaft der Gläubigen, Kirchen wie Moscheen und Synagogen sind Begegnungsorte. Man solle die Kirche im Dorf lassen, das ist auch der Wunsch nach Erkennbarkeit des Heimatortes.

Beheimatungspolitik muss vor allem auch ganz praktisch auf die Gestaltung der materiellen Voraussetzungen von Beheimatung zielen. Arbeit zu haben, zählt selbstverständlich zu den elementaren Voraussetzungen, sich heimisch fühlen zu können. Arbeitslos macht auch heimatlos, weil es die Lebensmöglichkeiten radikal einschränkt. Und ohne öffentliche Daseinsfürsorge ist Beheimatung nicht recht möglich. Ob Kommunen als lebenswert empfunden werden, hängt ganz wesentlich von deren sozialer, verkehrlicher, technischer und kultureller Infrastruktur, von deren Angebot an Dienstleistungen ab. Für den Umfang und die Qualität der öffentlichen Güter (auch der öffentlichen Sicherheit), also deren gerechte und faire Zugänglichkeit trägt demokratische Politik die Verantwortung. Beheimatungspolitik muss sich deshalb um die Verteidigung oder Rückgewinnung der öffentlichen Räume kümmern und deren immer weiteren Privatisierung und deren vollständiger Unterwerfung unter Marktmechanismen widerstehen.

Beheimatungspolitik ist in ihrem eigentlichen Zentrum aber Bildungs- und Kulturpolitik. Heimat ist ja nichts Leeres, sie ist immer ein geschichtlich und kulturell geprägter Ort und Raum und Prozess. Diese Prägung kennenzulernen, in sie hineinzu-wachsen, sie einzuüben, das ist Aneignung von Heimat. Dass es in der Schule Heimatkunde-Unterricht gibt, ist deshalb nichts Reaktionäres, sondern etwas höchst Vernünftiges. Einen Kanon an geschichtlichem und kulturellem Wissen zu erwerben, in dessen Zentrum die Geschichte und Kultur des eigenen Landes stehen sollten, das ermöglicht erst die Chance zur geschichtlich-kulturellen Beheimatung im Hier. Ein solcher Kanon, wie wenig er endgültig fixiert sein mag, ist eine bildungspolitische Aufgabe der Schulen. "Das Eigene muss so gut gelernt sein, wie das Fremde", kann man bei Hölderlin lesen. Dies ist ein Baustein zur Bildung kultureller Identität, die durchaus nicht der Abgrenzung und Ausgrenzung bedarf, sondern der Vergewisserung und Förderung gelassenen kulturellen Selbstbewusstseins dient, das Voraussetzung für Offenheit gegenüber Neuem und Fremdem ist.

Heimat ist die Alltagskultur, also unsere Lebensweise, die üblichen und vertrauten Sitten und Gebräuche, die Abläufe und der Rhythmus des täglichen Lebens, die Formen des Umgangs und der Kommunikation miteinander, also auch die gemeinsame Sprache. Dass unsere Landessprache – im Unterschied zu den meisten europäischen Ländern – keinen Platz in der Verfassung hat und auf so viele Vorbehalte stößt, das will mir befremdlich erscheinen, weil doch von allen Seiten betont wird, wie wichtig die deutsche Sprache für Integration sei.


Zum Schluss: Heimat ist ein Geflecht von Normen und Wertüberzeugungen, von Tugenden und Verhaltensweisen, von Regeln und Gewohnheiten durchaus vielfältiger, aber doch fassbarer Art. Diese sind gewiss in Bewegung, aber sie sind doch nicht beliebig. Deren Kern ist formuliert in unserer Verfassung. Die grundgesetzliche Werteordnung ist das Fundament unserer Heimat und darf niemals zur Disposition stehen. Mit dem Blick auf das Grundgesetz und auf unsere rechts- und sozialstaatliche Ordnung lässt sich durchaus pathetisch sagen: Unser Land ist und soll sein: Heimat der Menschenrechte, der Grundfreiheiten, des Rechts und der Toleranz, der Erinnerungskultur, der Weltoffenheit. Heimat ist also auch ein hoher Anspruch. Diesen Anspruch haben wir zu verteidigen gegen jede völkische, ethnische, soziale Verengung und Verfälschung. Diesem Anspruch zu genügen, auch das ist Ziel und Verantwortung von Beheimatungspolitik. Heimat ist ein Begriff der Selbstachtung und nicht der Ausschließung. "Wer sich selbst nicht achtet, kann keine Achtung von anderen erwarten" (Navid Kermani). Wir sollten jedenfalls die gelegentlich verschämt-aggressive oder auch ungeschickt-hilflose Abwehr gegen "Heimat" (in all ihren emotionalen und intellektuellen Höhen und Untiefen) überwinden und Arbeit für und an Beheimatung als eines der wichtigen Ziele demokratischer Politik begreifen – um der Zukunft unserer Demokratie als politischer Lebensform der Freiheit in einer pluralistischen Gesellschaft willen.



Prof. Dr. Hans-Dieter Gelfert (Berlin)
Das Feste im Flüssigen -
wie und warum sich bestimmte nationaltypische Eigenheiten der Kultur in Deutschland, England und Amerika ausbildeten

Panta rhei - alles fließt: auf diese Formel wurde das Denken des Vorsokratikers Heraklit gebracht, von dem der Satz überliefert ist: "Niemand steigt ein zweites Mal in denselben Fluss". Damit hatte er zweifellos recht. Doch der Fluss der Geschichte wird von Dingen gesäumt, die immer dieselben geblieben sind. Alles, was uns als Kultur überliefert ist – von den Pyramiden Ägyptens über die Tempel Griechenlands und die Kathedralen des christlichen Abendlands bis hin zu den Dingen, die unsere Museen und Bibliotheken füllen – all das mag Alterungsschäden aufweisen, doch es blieb immer dasselbe. Gleichbleibendes stiftet Identität. Der französische Philosoph Francois Jullien schreibt aber im Titel seines Buches: "Es gibt keine kulturelle Identität. Wir verteidigen die Ressourcen einer Kultur". Er sieht die wesentliche Ressource der Kultur im Fließenden. Auch das ist richtig, denn ohne das Fließende gäbe es keine Kultur. Doch sie selbst ist das, was sich aus dem Fließenden auskristallisiert. Kultur beginnt, bildlich gesprochen, damit, dass Dämme gebaut werden, die das Fließende aufstauen, um Äcker zu bewässern und Mühlen zu betreiben. Allerdings kann es dabei passieren, dass die Kultur sich selbst das Wasser abgräbt, wenn sie das Fließende trocken legt oder wenn sie ihr Erbe in der aufgestauten Flut versinken lässt.

Was immer man unter dem Fließenden verstehen mag - ob das Leben an sich,oder eine natürliche Kraft, die die Evolution vorwärtstreibt, - zur Kultur wird es erst, wenn der Mensch es in eine feste Form bringt. Das gilt nicht nur für Materielles, sondern ebenso für Abstraktes: Regeln und Gesetze, Wertvorstellungen und Glaubensinhalte sind solche Verfestigungen, die wie die materiellen Werke der Menschen als etwas Dauerhaftes fortbestehen. Je länger solche Dinge unverändert weitergegeben werden, umso mehr wirken sie identitätsstiftend, zugleich aber auch fortschrittshemmend. Das Musterbeispiel dafür sind Religionen mit nicht-hinterfragbaren Glaubensinhalten, die von den Gläubigen als absolute Werte angesehen werden. Doch absolute Werte gibt es nicht. Alle Werte sind relativ. Wir mögen die Existenz der Menschheit als höchsten Wert ansehen; doch aus der Sicht der Tiere ist sie das größte Übel. Insofern stehen hinter fast allen kulturellen Phänomenen die Interessen derjenigen, von denen die Wertzuschreibung ausgeht.

Das älteste mir bekannte Beispiel dafür findet sich in der Bibel in der Geschichte von Kain und Abel. Die beiden Söhne Adams brachten Gott Opfer dar: der Viehzüchter Abel ein tierisches, der Ackerbauer Kain ein agrarisches. Abels Opfer wurde von Gott angenommen, Kains dagegen verworfen. Weshalb? Kain hatte nichts verbrochen. Sein einziger Fehler war sein Ackerbauerntum. Aus Wildwestfilmen kennen wir den Streit zwischen Ranchern und Farmern. Auch bei den frühen Israeliten waren die Viehzüchter die Herrenschicht. Deshalb musste der Ackerbauer Kain als der Böse stigmatisiert werden. Vielleicht ist das auch der Grund für das Schweinefleischtabu, denn das Schwein war die einzige Fleischquelle, die Ackerbauern mit den Resten ihrer Feldfrüchte mästen Das mag als allgemeiner Vorspann erst einmal genügen.

Ich will mich nun den drei Kulturen zuwenden, die in der Ankündigung meines Vortrags genannt wurden. Ich beginne mit der amerikanischen, weil sie die historisch jüngste ist und einen exakt datierbaren Anfang hat. Um die besonderen Eigenheiten einer nationalen Kultur zu erkennen, empfiehlt es sich, zuerst nach dem zu suchen, was in auffälliger Weise fehlt, und dann auf das zu schauen, was in ebenso auffälliger Weise präsent ist. Was in der amerikanischen Kultur eklatant fehlt, sind zwei Formkräfte, die die europäischen Kulturen über viele Jahrhunderte hinweg geprägt haben und die latent immer noch wirksam sind. Das ist zum einen das hierarchisch-aristokratische Herrschaftsprinzip und zum anderen die monastische Kultur einer religiösen Innenwelt. US-Amerika wurde von Anfang an, d. h. seit der Landung der puritanischen Pilgerväter, egalitär geprägt, und es hat auch nie eine klösterliche Lebensform kontemplativer Genügsamkeit entwickelt.

Der Puritanismus ist die älteste Prägekraft der amerikanischen Mentalität. Sein spezifisches Merkmal ist die Prädestinationslehre. Sie besagt, dass Gott bereits vor der Schöpfung entschieden habe, wer für den Himmel und wer für die Hölle bestimmt ist. Man sollte meinen, dass dies zu einer eher resignierten Lebenshaltung hätte führen müssen. Doch das Gegenteil war der Fall. Wenn niemand wusste, ob er zu den Erwählten oder den Verdammten gehört, und wenn niemand etwas an Gottes Ratschluss ändern konnte, dann waren alle in der gleichen Ungewissheit. So blieb jedem Einzelnen nur die Möglichkeit, nach einem Indiz für seine Erwähltheit zu suchen. Als solches wurde der irdische Erfolg angesehen; denn weshalb sollte Gott Menschen mit Erfolg segnen, die er für die Hölle bestimmt hatte? Damit wurde die Suche nach Erwähltheitsbeweisen zum Antrieb einer Wettbewerbskultur, die die Amerikaner von Kindesbeinen an verinnerlichen.

Ich will dies an einem noch nicht allzu weit zurückliegenden Beispiel zeigen: an der Reaktion der Amerikaner auf Obamas Gesundheitsreform. Das zu lösende Problem bestand darin, dass Millionen von Geringverdienern keine Krankenversicherung hatten, weil sie entweder die Prämien für eine private Versicherung nicht zahlen konnten oder weil sie bei einem Kleinunternehmer angestellt waren, der zu wenig Umsatz machte, als dass er mit einer Krankenversicherung einen günstigen Tarif für seine Beschäftigten hätte aushandeln können. Obama wollte diesen Bürgern das verschaffen, was für Deutsche in versicherungspflichtigen Jobs selbstverständlich ist, nämlich einen Versicherungsschutz, der mit staatlicher Hilfe bezahlbar gemacht wird. Gegen dieses Vorhaben kam aus dem rechten Lager der Bevölkerung ein Widerstand, der mit geradezu religiösem Eifer betrieben wurde, und das sogar von Menschen, die von Obamas Reform profitiert hätten. Europäische Beobachter und vor allem die vom Sozialstaat verwöhnten Deutschen konnten kaum fassen, dass die Amerikaner, bei denen das philanthropische Stiftungswesen wie auch die Nachbarschaftshilfe viel ausgeprägter ist als hierzulande, ausgerechnet in diesem Punkt so hartherzig sein konnten. Verständlich wird ihr Verhalten aber, wenn man sich an ihre puritanische Prägung erinnert. Für sie ist zwar selbstverständlich, dass Kinder, die noch nicht in den ökonomischen Wettbewerb eingetreten sind, kostenfrei beschult werden. Ebenso selbstverständlich wird von ihnen am anderen Ende der Lebensbahn die staatliche Krankenversicherung für Rentner (medicare) akzeptiert, die übrigens nach Einschätzung der meisten Betroffenen gut funktioniert. Doch für alle, die die Schule verlassen haben und noch nicht Rentner sind, gilt die Pflicht, im ökonomischen Wettbewerb für ihre Erwähltheitsbeweise selbst zu sorgen. Würde hier die Allgemeinheit helfend eingreifen, wäre der Erfolg kein Erwähltheitsbeweis.

Diese puritanische Prägung wird von den allermeisten Amerikanern überhaupt nicht mehr religiös empfunden. Es ist vielmehr die Verinnerlichung eines nationalen Ethos, einer so genannten "Zivilreligion". Denn die amerikanische Nation nimmt im Ganzen für sich in Anspruch, eine Erwählte zu sein - der Fachbegriff dafür lautet American exceptionalism. Wie beiläufig sich diese Prägung im amerikanischen Alltag zeigen kann, will ich mit einem Beispiel illustrieren:. Ich kenne einen Amerikaner, der nebenberuflich eine kleine Ranch betreibt. Er ist ein menschenfreundlicher regelmäßiger Kirchgänger mit konservativer Grundhaltung, aber durchaus kein Puritaner. Doch am Hinterausgang seines Hauses, hängt ein Motto in einem pseudo-biblischen Englisch, das seine Grundeinstellung gut zusammenfasst:

Everything cometh
to him who waiteth
as long as he who waiteth
worketh like hell while he waiteth.

Wer sich in der englischen Literatur auskennt, wird das Echo des bekanntesten Gedichts von John Milton, dem größten puritanischen Dichter, heraushören. Milton schrieb ein Sonett über seine Erblindung. Darin gibt es die oft zitierte Zeile:
They also serve who only stand and wait
(auch die dienen Gott, die nur dastehn und warten)
Engländer pflegen diesen Satz mit dem ihnen eigenen Humor zu zitieren, wenn sie lange vergeblich auf die Bedienung durch einen Kellner warten.

Eine zweite Prägekraft begann etwas später auf die amerikanische Mentalität einzuwirken. Sie wird mit dem Begriff frontier bezeichnet. Gut zwei Jahrhunderte lang schoben die amerikanischen Siedler die Grenze zwischen Zivilisation und vermeintlicher Wildnis nach Westen vor sich her, bis schließlich im 19. Jahrhundert der Pazifik erreicht war. Diese kulturelle Expansion hat eine Mentalität geprägt, für die Neugier, Wagemut, Selbstvertrauen, Optimismus, Eroberungslust und Nachbarschaftshilfe zentrale Werte wurden, die heute noch typisch für die Amerikaner sind. Das Grenzerlebnis prägte auch das amerikanische Naturverständnis. Während sich im 18. Jahrhundert in England und wenig später unter englischem Einfluss auch in Deutschland die romantisch-sentimentale Vorstellung einer mütterlichen Natur ausbildete, war für Amerikaner die Natur etwas, das unterworfen und gezähmt werden musste. Auch das wirkt bis heute nach. Nach der vollständigen Eroberung des Kontinents wurde das Verschwinden der frontier als Verlust empfundenden. Doch es gab Ersatz. Kennedy erklärte den Weltraum zur new frontier. Eine andere "letzte Grenze" hatte schon vorher der Soziologe David Riesman ausgemacht. Er nannte die Sexualität the last frontier, und meinte, dass diese Sphäre eben deshalb zuviel psychische Last trage, um noch wirklich Spaß zu machen. Während des Kalten Krieges war auch der eiserne Vorhang für die USA eine frontier, hinter der ein Feind lauerte, den zu besiegen sich die Amerikaner zutraute n. Doch nach dem Fall des Eisernen Vorhangs verwandelten sich die Feinde in Konkurrenten, die nun in der gleichen Arena agierten, in der sich der globale ökonomische Wettbewerb abspielt. Das scheint mir der Hauptgrund dafür zu sein, dass Amerika ins Taumeln geraten ist. Jetzt ist sein Exzeptionalismus in Frage gestellt. Seit der Puritaner John Winthrop, der erste Gouverneur von Massachusetts, 1630 die Formel the city on the hill für Amerikas Rolle in der Welt prägte, die später um das Adjektiv shining erweiterte wurde, haben sich die Amerikaner immer als leuchtendes Vorbild für den Rest der Welt empfunden. Jetzt hat sich der Gegensatz zwischen Gut und Böse ins Innere der Nation verlagert. Davon unberührt bleibt allerdings Amerikas religiös fundierte Wettbewerbskultur, die von einer Erfolgsethik geleitet wird. Darauf werde ich später noch einmal zurückkommen.

Jetzt will ich mich erst einmal den Briten zuwenden. Die wirken seit dem Brexit auf uns Deutsche noch irritierender als die Gegner Obamas. Bei der Gesundheitsreform. Haben wir sie nicht immer für so vernünftig gehalten, dass wir sogar das englische Wort Common Sense zur Bezeichnung des gesunden Menschenverstands gebrauchen? Doch z. Zt. wirken sie auf uns, als hätten sie diesen gesunden Verstand verloren. Pragmatische Rationalität, also das, was wir unter Common Sense verstehen, ist etwas, das sich in der englischen Kulturgeschichte viel früher bemerkbar machte als auf dem Kontinent. Dogmatisches Denken einerseits und irrationalistische Mystik andererseits spielten auf dem Kontinent bis zur Aufklärung eine wichtige Rolle, waren in England dagegen nur schwach ausgebildet. Statt dessen kam dort schon früh ein realitätsnahes empiristisches Denken auf. Die Ahnenreihe derer, die dieses Denken beförderten, lässt sich von dem Schotten David Hume über John Locke und Thomas Hobbes bis zu dem Shakespeare- Zeitgenossen Francis Bacon zurückverfolgen, hört hier aber nicht auf, denn weitere drei Jahrhunderte früher gab es einen anderen Bacon, Roger mit Vornamen, bei dem sich schon manches ankündigte, was später zum typisch englischen Empirismus wurde. Was ist der Grund dafür, dass sich in England soviel früher als auf dem Kontinent eine realitätsnähere Rationalität ausbildete? Meine Vermutung ist, dass die Engländer ihre Rationalität ironischerweise zu einem nicht geringen Teil dem angeblich so dummen Schaf verdanken. In der englischen Wirtschaftsgeschichte spielte die Viehzucht gegenüber dem Ackerbau von Anfang an eine größere Rolle als auf dem Kontinent. Das hat damit zu tun, dass wegen des milden Klimas auf der Insel das Vieh viel länger auf der Weide bleiben konnte. Ackerbauern sind von den Unbilden des Wetters stärker abhängig als Viehzüchter. Eine Rekordernte ist für sie genauso problematisch wie eine Missernte. Im ersten Fall sinken die Marktpreise, im zweiten hat man wenig zu verkaufen. Deshalb neigen Ackerbaukulturen eher zu irrationalem zyklischem Denken. Viehzüchter können das Wachstum ihrer Herden sehr viel besser vorausschätzen. Das gilt erst recht für die Schafzucht. Als 1348/9 die Große Pest das Land entvölkerte, sank die Nachfrage nach Brotgetreide und große Ackerflächen wurden in Schafweide umgewandelt. Die Folge war der Beginn einer frühindustriellen Wollwirtschaft. Mit Wolle kann man spekulieren. Wer Getreide nach einer Rekordernte zurückhielt in der Hoffnung auf steigende Preise, muss te damit rechnen, dass seine Vorräte verschimmelten oder von Ratten gefressen wurden. Wolle dagegen konnte man lagern, verspinnen und Tuch daraus weben. Alles dies sind Prozesse, bei denen klug kalkulierendes Denken gefragt war. Was die Wolle für England bedeutete, ist daran abzulesen, dass der Lordkanzler, der den Vorsitz im Oberhaus führt, noch heute auf einem Wollsack thront.

Wie konnte es dazu kommen, dass die einst so rationalen Engländer in den Augen der Europäer die Vorzüge der EU-Mitgliedschaft gegen den irrationalen Fetisch "Souveränität" eintauschen wollen? Die englische Geschichte weist eine Reihe von Paradoxien auf. Paradox ist z. B., dass Englands erste Nationalheldin die Keltenkönigin Boadicea ist, der man an der Westminsterbrücke gegenüber vom Parlamentsgebäude ein großes Denkmal errichtet hat. Sie ist das britische Gegenstück zu unserm Herrmann, dem Cherusker. Boadicea verteidigte die Insel gegen die römischen Invasoren, von denen sie im Jahr 61 endgültig besiegt wurde, worauf sie sich darauf das Leben nahm. Damals gab es auf der Insel noch gar keine Angelsachsen, von denen die Engländer abstammen. Die kamen erst vier Jahrhunderte später. Ein halbes Jahrtausend danach folgte die dritte und bisher letzte Invasion, die der Normannen, die dem Land nicht nur ihre Herrschaft, sondern auch noch eine völlig neue Sprache aufzwangen. In Geschichtsbüchern findet man oft den Ausdruck "normannisches Joch". Tatsächlich war diese Eroberung aber Englands größter Glücksfall, denn hätte Wilhelm der Eroberer dass Land nicht unter eine Zentralgewalt gebracht, hätte sich auf der Insel vielleicht die gleiche Kleinstaaterei ausgebildet wie in Deutschland, gab es doch vor der Eroberung dort zeitweilig sieben konkurrierende Königreiche.

Wenn ein Land durch drei Invasionen und ebenso viele Kulturen geprägt wurde, wäre zu erwarten, dass die Bevölkerung eher ein Problem mit ihrer nationalen Identität hat. Doch Engländer identifizieren sich nicht völkisch, sondern territorial, d. h. mit ihrer Insel. Deshalb weist die englische Geschichte trotz der drei Invasionen eine erstaunliche Kontinuität auf. Ein augenfälliges, wenngleich nicht beweiskräftiges Indiz dafür sind die englischen Namen der Wochentage. Engländer haben noch heute einen Wotanstag (wednesday), den die christlichen Missionare bei uns in Mittwoch umbenannten, um die Erinnerung an den germanischen Hauptgott auszulöschen. Und sie nennen den Sonnabend noch immer Saturnstag (saturday), obwohl gerade die in römischer Zeit gefeierten Saturnalien die stärkste Konkurrenz für das christliche Weihnachtsfest waren. Allen Invasionen und inneren Krisen zum Trotz verlief die englische Geschichte gleichmäßiger als die der kontinentalen Völker. Was ist der Grund dafür, dass England zu einem "Glückskind" der Geschichte wurde. Wie bei dem Blick auf die Amerikaner will ich auch hier erst einmal fragen: was springt als besonders auffällig ins Auge, wenn man die Geschichte Englands aus großer Distanz betrachtet? Ich rechne mit wenig Widerspruch, wenn ich sage: es ist der frühe Beginn des Parlamentarismus. Das zweite, was bei näherem Zusehen auffällt, ist ein Gleichgewichtsdenken, wie es vor allem an der Jahrhunderte lang betriebenen englischen Außenpolitik abzulesen ist. Da ich hier einen Kausalzusammenhang vermute, will ich erst einmal Beispiele für das Gleichgewichtsdenken nennen, um dann zu fragen, was der Parlamentarismus dazu beigetragen haben kann. Als Wilhelm III. 1701 vor der Entscheidung stand, ob England in den Spanischen Erbfolgekrieg eingreifen solle, beendete er seine Rede vor dem Parlament mit den Worten: "Wenn Ihr in vollem Ernst wünscht, dass England Europa im Gleichgewicht halten und dabei für die protestantische Sache eintreten soll, wird es dies mit Eurer Erlaubnis tun und die gegenwärtige Situation in diesem Sinn zum Günstigen wenden". Dies gilt zwar als der erste wörtliche Beleg dafür, dass England sich als Zünglein an der europäischen Waage verstand. Doch Gleichgewichtspolitik wurde auch schon hundert Jahre früher von Elisabeth I. betrieben. Tritt man noch weiter zurück und schaut auf Englands Kulturgeschichte im Ganzen, wird man finden, dass die großen Gleichgewichtsmodelle des neuzeitlichen Denkens alle von der britischen Insel stammen. Die Reihe beginnt mit Newtons kosmischem Modell, das auf dem Gleichgewicht zwischen Gravitation und Fliehkraft beruht. Knapp hundert Jahre später stellte Adam Smith sein ökonomisches Gleichgewichtsmodell von Angebot und Nachfrage als Grundprinzip des freien Marktes vor. Und abermals knapp ein Jahrhundert später folgte Darwins biologisches Modell, das die gesamte Biosphäre als einen Markt konkurrierender Arten beschreibt. Als viertes Beispiel könnte man noch die von John Maynard Keynes verbesserte Version des Modells von Adam Smith hinzufügen. Das Besondere an all diesen Modellen ist, dass es selbstregulierende Gleichgewichtssysteme sind. Dass darin etwas spezifisch Englisches zum Ausdruck kommt, wird in einem auf Deutsch und Englisch erschienenen Buch ausgeführt, das den deutschen Titel trägt: Uhrwerk und Waage.

Autorität, Freiheit und technische Systeme in der frühen Neuzeit (1987)

Es stammt aus der Feder Otto Mayrs, eines ehemaligen Direktors des Deutschen Museums in München. Mayr legt dar, wie seit dem späten Mittelalter deutsche Uhrmacher zunächst den Markt beherrschten, solange es um Uhren ging, deren Präzision auf einer gewissermaßen autoritären Zentralsteuerung beruht. Dann aber kam es nach der sogenannten horologischen Revolution in England zur Entwicklung von sich selbst regulierenden Systemen. Anfangs waren es so einfache Dinge, wie wir sie heute noch in den Spülkästen von Toiletten haben. Doch danach führte die Industrielle Revolution unter anderem zu einer sich selbst regulierenden Steuerung, ohne die keine Dampfmaschine eine bestimmte Drehzahl hätte einhalten können. Es ist der Fliehkraftregler, der mit steigender Drehzahl ein Ventil öffnen und damit Druck aus dem Kessel nehmen kann. Otto Mayrs kenntnisreiche Ausführungen zu der auffälligen Parallelität zwischen technischen Entwicklungen und Bewusstseinsstrukturen im Denken der Engländer sind kein zwingender Beweis für einen Kausalzusammenhang, doch meine weiteren Argumente dürften einen solchen noch wahrscheinlicher machen. Das älteste sich selbst regulierende Steuerungssystem ist das englische Parlament. Es trat 1295 zum erstenmal in einer Besetzung zusammen, die von da an bis ins 19. Jahrhundert nur noch wenig verändert wurde, denn es waren darin Hochadel, niederer Adel, Klerus und alle verbrieften Städte vertreten. Von diesen vier Statusgruppen schlossen sich zwei, nämlich der niedere Adel und die Vertreter der Städte, schon früh zusammen und bildeten bereits in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts eine zweite Kammer, die als Unterhaus getrennt vom Oberhaus tagte. Bereits unter Elisabeth I. ging die politische Initiative weitgehend vom Unterhaus aus. Bezeichnend dafür ist, dass die Königin fast alle ihre wichtigen Berater aus dem niederen Adel berief. Der niedere Adel und das städtische Bürgertum stellten soziologisch die vertikale Mitte der hierarchischen Gesellschaft dar. Das bedeutet, dass in England die wesentlichen politischen Impulse aus dieser Mitte kamen, während sie auf dem Kontinent entweder von starken Herrscherpersönlichkeiten oder vom rebellischen Volk ausgingen. Das Unterhaus war für die Engländer Jahrhunderte lang zwischen Volk und Regierung das Zünglein an der Waage des innenpolitischen Gleichgewichts. Das englische Gleichgewichtsdenken zeigt sich in so gut wie allen Bereichen der Kultur. Die alltägliche Form der Herstellung eines Gleichgewichts ist der Kompromiss. In England ist bereits die konstitutionelle Monarchie ein Kompromiss zwischen zwei Staatsformen. Die Anglikanische Staatskirche ist einer zwischen Katholizismus und Protestantismus. Das englische Rechtswesen war lange Zeit ein Kompromiss zwischen dem Prinzip der Rechtmäßigkeit, das durch das ungesetzte Gewohnheitsrecht des Common Law repräsentiert wird, und dem Prinzip der Gerechtigkeit, an dem sich das Billigkeitsrecht orientiert, das im Namen der Krone durch den Kanzleigerichtshof gesprochen wurde. Die gesamte englische Kultur beruht auf dem Kompromiss zwischen der urbanen Kultur des Bürgertums und der pastoralen Kultur des Landadels, eben jener beiden Bevölkerungsgruppen, die im Unterhaus zusammen saßen. Auf die Frage, was Englands typischster Beitrag zur ästhetischen Kultur Europas ist, dürfte der englische Landschaftsgarten mit dem dazu gehörigen Country House am häufigsten genannt werden. Dieses siamesische Zwillingspaar aus romantischer Natur und rationaler klassizistischer Architektur ist das anschaulichste Beispiel für das, was der Historiker Namier als Englands "amphibische Kultur" bezeichnete. Wie konnte es dazu kommen, dass das bewährte System des sich selbst regulierenden Gleichgewichts so aus der Balance geraten ist? Wie ist es möglich, dass die Briten, die früher das kompromisslerische muddling through als ihre spezielle Sozialstrategie ansahen, jetzt so kompromissunfähig geworden sind, ja, dass das Zünglein an ihrer Waage wie festgeklemmt erscheint? Die einzige Erklärung, die ich dafür sehe, ist die, dass sich das britische Parlament nicht mehr wie seit sieben Jahrhunderten in der Mitte sieht, also dort, wo das Zünglein sein sollte, sondern in einer der Waagschalen, während sich das Zünglein nach Brüssel verlagert hat.

Das hat vor allem die Engländer aus dem Gleichgewicht gebracht, während die Schotten in diesem Punkt ganz anders ticken. Sie sind daran gewöhnt, in einer der Schalen der britischen Waage zu sitzen und von dem Zünglein in Westminster abhängig zu sein. Im übrigen nimmt Common Sense in der Kulturgeschichte Schottlands einen noch größeren Raum ein als in England. Die so genannte Common sense school ist eine spezifisch schottische Richtung der britischen Philosophie. Das mag der kalvinistischen Prägung der presbyterianisch organisierten schottischen Staatskirche geschuldet sein. Wirtschaftlich galten die Schotten als ein Treibsatz der Industriellen Revolution auf der Insel. Sie waren unternehmerisch besonders erfolgreich. Dank ihrer kalvinistischen Prägung standen sie dem amerikanischen Wettbewerbsethos näher als dem englischen Gentleman-Ideal, das sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts ausbildete und dann im 19. Jahrhundert in den englische Public Schools als ein nationaler Markenartikel hergestellt wurde.

Während die Amerikaner eine Erfolgsethik und die Deutschen wie die Schotten eine Leistungsethik entwickelten, drückt sich im Ideal des Gentleman eine Haltungsethik aus. England stand damals an der Spitze des Fortschritts. Wie kann jemand, der an der Spitze steht, sich selbst übertreffen? Nur dadurch, dass er sich nicht anmerken lässt, wie anstrengend es ist an der Spitze zu stehen. Das ist die einzige Leistung, die ein Gentleman beweisen muss. Ansonsten darf er nicht zeigen, wie leistungsfähig er ist. Darin unterscheidet er sich vom deutschen Ideal des gebildeten Menschen. Der darf seine Bildung durchaus zeigen, solange es nicht in Angeberei ausartet. Im 19. Jahrhundert bildet sich auch in Englands Norden eine leistungsorientierte Industriekultur aus, während im Süden eine Kultur der gentrification gepflegt wurde, deren Ideal der kultivierte Müßiggang eines auf Haltung bedachten Landedelmanns war. Das scheinbar schweißlos betriebene Cricket ist typisch für diese Gentry-Kultur, die auch von Engländern als typisch englisch empfunden wird. Die Erzählerin Elizabeth Gaskell hat die beiden Kulturen in ihrem 1855 erschienen Roman North and South zum Thema gemacht. Unter Margret Thatcher kam es zu einem ähnlichen Gegensatz zweier Kulturen. Die Gentry- Kultur ist auch heute noch der Inbegriff von Englishness. England hat noch immer eine ausgeprägte Klassengesellschaft, was schon daran abzulesen ist, dass es eine Monarchie und eine erbliche Aristokratie hat. Während die amerikanische Unabhängigkeitserklärung als ersten Leitwert die Gleichheit nennt und die Deutschen spätestens seit dem 30jährigen Krieg vor allem von der Sehnsucht nach Sicherheit geleitet wurden, ist der Leitwert des freeborn Englishman die Freiheit. Auch wenn die Magna Charta von 1215 ein Vertrag zwischen Feudalherren war, empfinden die Engländer sie als die Basis ihrer Freiheitsrechte. Schon im 15. Jahrhundert verschwand die Leibeigenschaft aus England, während sie in Frankreich, Deutschland, und Russland bis ins 19. Jahrhundert andauerte. Im 18. Jahrhundert galt England als das freieste Land Europas. Eine Sammlung deutscher Reiseberichte des 18. Jahrhunderts trägt den Titel "O Britannien, Von deiner Freiheit einen Hut voll". Er geht auf einen sehnsüchtige Ausruf Christian Friedrich Daniel Schubarts zurück, eines älteren Zeitgenossen und Landsmanns Friedrich Schillers, der wegen seiner freiheitlichen Gesinnung zehn Jahre im Zuchthaus saß.

Deutschland lag damals weit zurück im ökonomischen Wettbewerb. In dieser Zeit wurde Tüchtigkeit zu einem typisch deutschen Wertbegiff. Das Wort hat drückt auch heute noch uneingeschränktes Lob aus. Anders als der Gentleman darf der Tüchtige seinen Schweiß auf der Stirn zeigen. Das gilt auch für den geistigen Schweiß. Ebendas empfinden Engländer an den Deutschen oft als unangenehm. Ein englischer Professor beginnt seinen Vortrag gern mit einem Witz oder einem Wortspiel, um nicht in den Verdacht zu geraten, dass er geistige Überlegenheit zur Schau stellen will. Deutsche Professoren tendieren eher dazu, sich bereits mit dem ersten Satz eines Vortrags aufs geistige Hochreck zu schwingen. Wenn sie dann noch intellektuelle Riesenwellen vorturnen, empfinden Engländer das als typisch deutsch. Die deutsche Tüchtigkeitsethik ist auch heute noch in vielen Bereichen zu spüren: im wissenschaftlichen Sprachstil ebenso wie in der Neigung zu einer Ironie des Overstatements a la Thomas Mann, während Engländer das Understatement bevorzugen.

Deutsche werden von Engländern allgemein als geradlinige, aber auch als hemdsärmelige Zeitgenossen empfunden. Vor allem vermissen sie bei ihnen den Humor. Damit stehe ich nun vor der Aufgabe, das Typische bei meinen eigenen Landsleute aufzuzeigen, was bekanntlich schwerer zu erkennen ist als bei Fremden. Nun habe ich mich selbst aber beruflich mehr mit englischer und amerikanischer Kultur befasst als mit deutscher, so dass ich praktisch die eigene Kultur immer schon im Vergleich vor allem mit der englischen sehe. Was ist das, was beim Blick auf die deutsche Kultur als besonders auffällig ins Auge springt? Nachdem ich bereits das für die deutsche Mentalität typische Lobeswort 'tüchtig' erwähnt habe, nenne ich zwei weitere ebenso typische Wörter, die sich angeblich schwer oder gar nicht übersetzen lassen. Das erste dieser Wörter taucht als Fremdwort sogar in englischen und amerikanischen Wörterbüchern auf, nämlich "gemütlich". Briten und Amerikaner verbinden damit etwas, was ein wenig ihrem Wort cozy nahekommt, aber doch so anders ist, dass sie lieber das deutsche Wort dafür benutzen. Beim zweiten Wort wird sogar im Internet auf die Unübersetzbarkeit hingewiesen. Es ist das Wort 'Geborgenheit'. Nach Sicherheit sehnen sich alle Menschen, doch Geborgenheit scheint ein so spezifisch deutscher Wert zu sein, dass Briten und Amerikaner das Wort nicht einmal als Fremdwort verwenden. Ich will mit einem Zitat beginnen, das sich auf die fatalste Seite der deutschen Sehnsucht nach Geborgenheit bezieht. Ich fand es in Hermann Glasers kritischem Buch über den deutschen Spießer und hoffe, dass er richtig zitiert hat, denn ich konnte die ursprüngliche Quelle bisher nicht finden. Glaser zitiert den Reichsarbeitsführer Robert Ley und schreibt:: "Weshalb liebt der deutsche Mensch Adolf Hitler so unsagbar?" fragt Robert Ley und antwortet: "weil er sich bei Adolf Hitler geborgen fühlt. Das ist es, das Gefühl der Geborgenheit, das ist es. Geborgen!"

Nun bin ich zwar überzeugt, dass es für diese Unterwerfung unter eine Geborgenheit versprechende Autorität bei uns keine Mehrheit mehr geben wird, doch die Sehnsucht danach ist etwas, das unserer Kultur seit der Romantik ein spezifisch deutsches Aroma verleiht. Es ist die oft beschworene, verspottete oder beklagte Kultur der Innerlichkeit, von der vor allem Deutschlands typischster Beitrag zur Weltkultur eingefärbt ist: die Musik. Noch im vorletzten Jahr des Ersten Weltkriegs prägte Thomas Mann für seine Utopie von deutscher Kultur den oft zitierten: Begriff: "Machtgeschützte Innerlichkeit". Um zu verstehen, weshalb die deutsche Kultur so sehr durch die Sehnsucht nach Geborgenheit geprägt ist, will ich auch hier erst einmal danach fragen, was auf deutscher Seite in auffälliger Weise fehlt. Vergleicht man Deutschland mit England, springt als erstes ein krasser Gegensatz ins Augen. Die Engländer leben auf einer Insel, die nach der dritten Invasion von 1066 nie wieder von einer fremden Macht betreten wurde. Geschützt durch das Meer und die eigene Flotte konnten sie sich immer leisten, in der eigenen Obrigkeit die größte Gefahr für ihre persönliche Freiheit zu sehen. Das Bollwerk gegen zuviel Gewalt der Krone bzw. der Regierung sahen die Briten in ihrem Parlament. Nach der Glorreichen Revolution verbot die Bill of Rights (1689) dem König das Halten eines stehenden Heeres in Friedenszeiten. Dieses Verbot galt nicht für die Kriegsflotte, denn die diente ausschließlich der Landesverteidigung, während die Armee auch zur Unterdrückung des Volkes eingesetzt werden könnte. Noch heute muss die Existenz der Armee jedes Jahr von neuem durch das Parlament genehmigt werden, während Flotte und Luftwaffe ohne diese Bedingung fortbestehen. Auch Deutschland gleicht in gewissem Sinn einer Insel, die jederzeit von den Nachbarvölkern überspült werden konnte. Das ist auch immer wieder geschehen, weshalb sich die Außengrenzen des Landes oft verschoben haben. Es liegt auf der Hand, dass ein Volk in dieser geopolitischen Lage sich mehr nach Sicherheit und Schutz gegen äußere Feinde als nach individueller Freiheit sehnt. Insofern ist es verständlich, dass die Deutschen eine Kultur verinnerlichten, in der Begriffe wie Heimat, Geborgenheit, ja, die Sehnsucht als solche zentrale Werte darstellen. Während Engländer sich eher mit Robin Hood identifizierten, träumten die Deutschen lange Zeit von der Wiederkehr des alten Barbarossa, und Ewiggestrige würden auch heute noch einem neuen Führer zujubeln. Die unsicheren Außengrenzen führten dazu, dass für Deutsche - anders als für Engländer, Franzosen, Italiener und Spanier – staatliches Territorium und Kulturraum nicht zusammenfallen, weshalb sie ihre Nationalität eher völkisch als territorial empfinden. Ich will jetzt nicht in jene Tiefen der deutschen Kultur hinabtauchen, wo ein Novalis nach der Blauen Blume suchte und ein geistiger Hai namens Nietzsche seine Zähne zeigte. Lieber bleibe ich im flachen Wasser der deutschen Gemütlichkeit, die noch immer das Merkmal unseres nationaltypischen Humors ist. Wie kommt es, dass die Deutschen im Ausland oft als humorlos angesehen werden, und weshalb wollen die Briten, die den Humor als ihre Nationaltugend ansehen, den deutschen Humor nicht einmal dort anerkennen, wo er alljährlich von der halben Nation über Tage hinweg öffentlich und privat ausgelebt wird: im Karneval? Um darauf näher einzugehen, muss ich erst einmal die Frage klären: Was ist überhaupt Humor? Es ist eine spezifisch menschliche Sozialstrategie zur Auflösung zwischenmenschlicher Spannungen. Tiere haben bei einer bedrohlichen Begegnung nur drei Optionen: Angriff, Flucht oder Totstellen. Als Menschen haben wir die Möglichkeit, die Spannung durch Lachen aufzulösen. "Lachen", sagt Kant, "ist die plötzliche Auflösung einer gespannten Erwartung in Nichts". Durch Lachen wird eine ernsthafte Spannung unernst gelöst. Es liegt auf der Hand, dass diese Sozialtechnik dort am nötigsten ist, wo Menschen auf engem Raum zusammen leben. Das ist in den Städten der Fall. Deshalb hat sich in Europa in der Zeit der aufblühenden Städte eine ausgeprägte Lachkultur entwickelt, die u. a. ihren Ausdruck im Karneval fand. Es war ein emanzipatorischer Stadtbürgerhumor. Man lachte gegen die Obrigkeit, gegen den Klerus, gegen die Konkurrenz und gegen tumbe Bauerntölpel. Diesen Humor haben die Engländer noch heute. Auch die Deutschen hatten ihn damals. Seine typische Verkörperung war Till Eulenspiegel. Doch die Stadtbürgerkultur kam zu einem jähen Ende, als die deutschen Städte im Dreißigjährigen Krieg in Schutt und Asche gelegt wurden. Seine Auferstehung erlebte der deutsche Humor danach nicht als Stadtbürger-, sondern als Staatsbürgerhumor. Es ist ein Humor, der sich nicht im sozialen Gedränge Ellbogenraum verschaffen will, sondern der versucht, einen sicheren, spannungsfreien Innenraum herzustellen, aus dem die Störer hinausgelacht werden. Im Karneval zeigt der Humor diese beiden deutschen Humorformen in idealtypischer Weise. Die schunkelnde Menge genießt die spannungsfreie Gemütlichkeit; und der moralisierende Spott gilt den Bloßgestellten auf den Umzugswagen. Das Auslachen ist das Grundprinzip des für Deutschland so typischen politischen Kabaretts, das grundsätzlich moralisierend wirkt.

Gemütlichkeit und Moralisieren sind dem englischen Humor fremd, denn der ist ungemütlich und respektlos. Georg Mikes, ein geborener Ungar und naturalisierter Brite, der als Autorität in Sachen britischer Humor gilt, bezeichnete dessen Grundhaltung als "grausam". Es gibt vier Ausdrucksformen von Humor, die als typisch englisch gelten: Exzentrik, Nonsense, Wortspiele und schwarzer Humor. Alle vier zeichnen sich dadurch aus, dass sie gegen eine Ordnung verstoßen. Exzentrik verstößt gegen die Regeln guten Benehmens, Nonsense gegen das Gebot sinnvoller Kommunikation, Wortspiele gegen das Gebot der Ernsthaftigkeit und schwarzer Humor gegen die Moral. Gemütlichkeit und Moralisieren werden von Engländern als Humortöter empfunden. Engländer lachen von unten nach oben. Sie wollen mit anarchischer Lust Autoritäten vom Sockel stoßen. Deutsche lachen von oben nach unten. Sie lieben es, die Störer der Ordnung moralisierend abzustrafen. Engländer lachen mit dem Störer gegen die Ordnung; Deutsche lachen mit der moralischen Ordnung gegen den Störer. Damit wird verständlich, dass Boris Johnson, den die Deutschen eher als unseriös empfinden, bei vielen Engländern eine Art humoristische Sympathie genießt. Während die Deutschen sich mit Shakespeares Hamlet identifizierten, neigten die Engländer eher seinem Falstaff zu.

Das bisher Gesagte gilt allerdings nur für die Zeit, in der die Deutschen noch so deutsch waren, wie viele Ausländer sie sich heute noch vorstellen. Nach der Niederlage im Zweiten Weltkrieg war aber für die Deutschen das Tor nach Westen weit geöffnet. Während im Spätmittelalter die Streiche Till Eulenspiegels auch im westlichen Ausland gelesen wurden, kam es nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland zum Re-import dieses respektlos- anarchischen Eulenspiegel-Humors. Heute haben wir gewissermaßen zwei Humore: den alten gemütlichen und moralisierenden, der sich in Heimatsendungen bzw. im politischen Kabarett ausdrückt, und den re-importierten anarchischen, der grausam und geschmacklos sein darf. Doch es gibt noch immer Unterschiede, die z. T. schon auf den ersten Blick zu erkennen sind. Englische standup comedians tragen entweder eine gefrorene Miene zur Schau, das so genannte deadpanface, oder sie zeigen ein verzerrtes übertriebenes Lachen. Deutsche Humoristen tragen meist ein freundliches Lachen zur Schau. Bei Engländern kommt das nicht gut an. Sie haben dann das Gefühl, dass hier einer schon vor seiner Pointe lacht, um so die gemütliche Zustimmung des Publikums einzuwerben.

Der Unterschied zwischen deutschem und englischem Humor lässt sich mit zwei motivähnlichen Karikaturen illustrieren. Da ich sie mangels eines Projektors nicht zeigen kann, müssen Sie mit meiner Beschreibung vorlieb nehmen: Ich beginne mit der deutschen. Sie stammt von Loriot. Wir sehen in ein Wohnzimmer, in dem der Fenstervorhang in Flammen steht. Ein Mann rennt mit einem Eimer Wasser diagonal durch das Zimmer, um zu löschen. Links vorn im Bild hält eine Frau den Telefonhörer ans Ohr und spricht mit breitem Lächeln in die Muschel: "Du störst überhaupt nicht, Elsbeth. Ich habe ja ewig nichts von dir gehört". Hier wird die deutsche Sehnsucht nach Gemütlichkeit durch das Ausblenden der ungemütlichen Realität lächerlich gemacht, während gleichzeitig das Gesicht der Frau mit ihrem Lächeln das typisch deutsche Gemütlichkeitssignal aussendet. Nun die englische Karikatur. Sie stammt von Arnold Wiles und erschien in der Zeitschrift Punch. Wir sehen vor nachtdunklem Himmel ein brennendes Haus. Die Feuerwehr spritzt aus allen Rohren. Vor dem Haus steht am Gartentor ein älteres Paar, sichtlich frierend. Die Frau hält ein Taschentuch in der Hand, mit dm sie sich offensichtlich gerade die Tränen getrocknet hat. Ein Nachbar kommt mit seinem Hund vorbei und fragt über den Zaun: "Und wie geht's sonst so?" Diese gefühlskalte Rohheit ist typisch für den englischen Humor.

Jetzt will ich zum Schluss die drei hier betrachteten Nationen noch einmal nebeneinanderstellen und sie in Hinblick auf ein bestimmtes Verhalten vergleichen. Bevor die Engländer uns mit dem Brexit schockten, gaben sie uns bereits ein anderes Rätsel auf. Wie ist es möglich, dass ein Volk, das neben dem Humor auch Höflichkeit und Fairness zu seinen Nationaltugenden zählt, zugleich berüchtigt für den Hooliganismus in seinen Fußballstadien ist? In Amerika hingegen scheint der keine Rolle zu spielen. Hier gab und gibt es zwar blutige Rassenunruhen, gelegentlich auch Unruhen auf Grund sozialer Konflikte, doch in Sportarenen hält sich Gewalt auf Seiten des Publikums in engen Grenzen. Gibt es dafür eine Erklärung? Ich sagte, dass die älteste kulturelle Prägung der Amerikaner der puritanische Wettbewerb um Erwähltheitsbeweise sei. Der Sport ist der Bereich, in dem Wettbewerb in reinster Form erscheint. Deshalb hat er für Amerikaner eine allgemeinere Bedeutung als für Europäer. Er ist das Urbild ihrer gesamten Wettbewerbskultur. Darum zahlen Universitäten den erfolgreichen Trainern ihrer Football-Teams höhere Gehälter als ihren besten Professoren. Wenn Menschen durch ihre kulturelle Tradition so geprägt sind, dass sie Erfolg als Erwähltheitsbeweis empfinden, dann hat Erfolg für sie eine quasi-religiöse Bedeutung und sie werden dann dazu neigen, auch die Erfolge von Konkurrenten anzuerkennen. In England dagegen gibt es noch das ausgeprägtes Klassenbewusstsein. Vor allem die Unterschicht denkt in den Kategorien von them and us. "Die da oben, wir hier unten". Dieses Verhaltensmuster scheint sich beim Fußball auf die Fangemeinden zu übertragen. Eine plausiblere Erklärung dafür fällt mir nicht ein. Für meinen Erklärungsversuch spricht außerdem die allgemein anerkannte Tatsache, dass der Neid in Amerika eine deutlich geringere Rolle spielt als in Europa.

Dem Wettbewerb verdanken wir alle Segnungen des zivilisatorischen Fortschritts. Insofern sollte er eigentlich für die Menschheit insgesamt etwas uneingeschränkt Gutes bedeuten. Das wäre er auch, wenn die Ressourcen der Erde unbegrenzt wären. Doch da dies nicht der Fall ist, spielen wir in der Ökonomie wie im Sport ein Null-Summen-Spiel: Was der Sieger gewinnt, wird den Verlierern genommen oder vorenthalten. Heute lebt die ganze Menschheit in einer Wettbewerbskultur, die nahezu alles, was sie produziert, durch Konsum in Müll verwandelt, dessen Endprodukte sie im Erdreich, im Grundwasser, im Weltmeer und in der Atmosphäre unrückholbar endlagert. Was unserer Kultur fast gänzlich abhanden gekommen ist, ist das Feste, das dauerhaft Geformte. Wohin man schaut - ob in die Mode, die Umgangsformen, den Sprachstil, den Gesellschaftstanz oder die Paarbeziehungen - alles steht im Zeichen einer freien, weitgehend formlosen Persönlichkeitsentfaltung. Während einstmals Pyramiden für die Ewigkeitgebaut wurden, haben wir heute eine Eventkultur, die von Kick zu Kick hetzt und nach kurzlebigen Erfolgen, Genüssen und Profiten strebt. Ist es da verwunderlich, dass bei denen, die sich als Abgehängte im globalen Rennen empfinden, die Sehnsucht nach Festem, Verlässlichem, kurz, nach Heimat, immer stärker wird? Homo sapiens ist einerseits ein schutzbedürftiges Mängelwesen – als solches wurde er von Anthropologen definiert -, zugleich ist er aber auch ein zoon politikon. Zu seinem Schutz braucht er eine Behausung und als geselliges Wesen braucht er ein sehr großes Haus, in dem er sich mit seinen Artgenossen zuhause fühlt. Dieses Haus ist die Kultur. Es soll Geborgenheit bieten, doch es muss große Fenster und offene Türen haben, sonst droht Erstarrung und Isolation. Das Äußerste an Geborgenheit bieten Religionen, die über den Tod hinaus ewige Werte versprechen und von den Gläubigen für das einzig Wahre gehalten werden. Doch ein Glaube, der keinen Zweifel zulässt, ist grundsätzlich exklusiv. Er schließt Ungläubige aus und begünstigt Realitätsverweigerung und Erstarrung. Inklusiv ist nur der wissensdurstige Verstand. Dessen härtester Kern zeigt sich in der Mathematik und der Logik. Niemand, der nicht für dumm gehalten werden will, wird jemals bestreiten, dass die Winkelsumme eines Dreiecks in einer Ebene zwei rechten Winkeln entspricht. . Wenn es etwas Göttliches im Menschen gibt, kann es nur dieser harte Kern der Vernunft sein. Er ist das Einzige, das in allen menschlichen Köpfen identisch ist. So ähnlich argumentierte vor 800 Jahren der von mir früher erwähnte englische Franziskanermönch Roger Bacon, der dafür als Ketzer mit Arrest und Schreibverbot bestraft wurde. Heute leben wir global in einer Wissenskultur. Mathematisch bewiesenes und empirisch nicht widerlegtes Wissen wird über alle Grenzen hinweg gesucht und anerkannt, und selbst Wissenschaft beruht, wie der Sport, auf Wettbewerb, und Wettbewerb ist das Fließende schlechthin, denn er hört nie auf und endet an keiner Ziellinie. Das Dilemma des rationalen Wettbewerbs liegt darin, dass er einerseits inklusiv wirkt, da er dem allgemeinmenschlichen Wissensdurst entspringt, während er andererseits unablässig Abgehängte produziert, die sich dann in Nischen flüchten, in die das Licht der inklusiven Vernunft nicht mehr eindringt. Wäre es da nicht an der Zeit, dass wir uns wenigstens in unserem Alltagsleben zu einer Verlangsamung unseres Produktions- und Konsumverhaltens durchringen, indem wir wieder langlebige Wirtschaftsgüter herstellen , die bewahrt, gepflegt, restauriert und im Idealfall als wertgeschätztes Kulturgut weitergegeben werden? Von Entschleunigung ist schon seit längerem die Rede.

In den vergangenen Hochkulturen gab es neben der so genannten vita activa immer auch eine vita contemplativa, d. h. eine nach Innen gerichtete Lebensform der kreativen Muße, der Kontemplation und der Pflege jener Verfestigungen, von denen hier die Rede ist. Als Universitätsprofessor und Literaturwissenschaftler betrübt es mich in besonderem Maß, dass selbst die Universitäten, die der letzte Hort der Kontemplation sein könnten, einen reißenden Strom von Wissen generieren, aber kaum noch das, was man einst Weisheit nannte. Und was die Literaturwissenschaft betrifft: wäre es nicht sinnvoller, wenn sie die Pflege, Verbreitung und Wertschätzung großer Dichtung als ihr Hauptziel ansehen würde, statt immer neue schwerverständliche Theoriemodelle zu entwickeln? Der Haken daran ist, dass Wertschätzung eine Wertordnung voraussetzt, und Werte sind, man mag es drehn und wenden wie man will, immer machtbegründet und darum hierarchisch. Wer darauf besteht, dass BeethovensAppassionata ein höherwertiges Kunstwerk ist als der Flohwalzer, vertritt die Werte einer Bildungselite. Woher bezieht diese ihre Legitimation? Ist Kunstturnen besser als Sackhüpfen? Ist Hochkultur besser als Popkultur? Solche Fragen rühren an die Grundlagen unseres egalitären freiheitlich-demokratischen Wertesystems. In Zeiten, in denen exaktes Wissen noch wenig entwickelt war, hat der Glaube im Bunde mit dem Schönheitssinn grandiose Kultur hervorgebracht, die niemand missen möchte. Doch heute, wo das physische Überleben der Menschheit auf dem Spiel steht, ist Wissen das Einzige, das die Menschen verbinden kann. Deshalb muss alle zivilisatorische Energie darauf gerichtet sein, dass im Haus der Weltkultur die Vernunft regiert, die theoretische ebenso wie die praktische, denn das Wissen muss iauch m Dienst der Gerechtigkeit stehen, damit im Haus Friede herrscht zwischen der Beletage und dem Souterrain. Aber auch die Kunst, in der sich Jahrtausende lang die Kultur am dauerhaftesten materialisiert hat, sollte nicht fehlen. Wenn sie Werke schafft, die allgemeine Bewunderung wecken, trägt sie zur Stabilität des Hauses bei, denn das Bewunderte möchte man behalten und sein eigen nennen. Wenn sie aber nur den Kick flüchtiger Events vermittelt, ist auch sie nichts weiter als konsumierbare Ware, die bestenfalls verblassende Erinnerungen hinterlässt. Die Kunst wäre eigentlich prädestiniert dafür, dem reißenden Strom ein Stauwehr entgegenzusetzen. Dazu müssten wir aber erst wieder lernen, Schönheit mit stillgestellter Lust zu erleben, statt sie immer nur als erregenden Appetizer einzusetzen, der ein Verlangen nach dem nächsten Kick auslöst. Ich kann hier nur für mich selber sprechen. Kunst, wie ich sie verstehe, erzeugt Wahrnehmungslust. Physiologisch geht es dabei um das Anheben und Absenken der psychischen Erregung. Folglich gibt es zwei Arten von Lust: die der Erwartung und die der Befriedigung. Die bildende Kust spielt mit der Erwartungslust, indem sie diese stillstellt; Musik und darstellende Künste spielen mit der Befriedigungslust, indem sie sie ritualisieren. Die Konsumwelt aber lebt davon, dass Erwartung immer sofort befriedigt wird. Diesen Kurzschluss muss die Kunst aufbrechen. Es geht um das, was Kant das "interesselose Wohlgefallen am Schönen" nennt. Was meint er damit? Wenn ich einen reifen Pfirsich vor mir sehe, bekomme ich Appetit und habe das Interesse ihn zu essen. Sehe ich ihn aber auf einem gut gemalten Stillleben, genieße ich ihn mit interesselosem Wohlgefallen. Die Fähigkeit des interesselosen Genusses scheint weitgehend verschwunden zu sein. Stillstellung des Interesses war und ist das Ziel philosophischer Glücksutopien. Die Alten Griechen nannten es Ataraxie, bei Goethes Faust ist es der erfüllte "Augenblick". Doch diesen Glückszustand will Faust gerade nicht.

Er sagt zu Mephisto:
Werd ich zum Augenblicke sagen:
Dann magst du mich in Fesseln schlagen!
Dann will ich gern zugrunde gehen.

Das Faustische Streben sahen die Deutschen lange Zeit als die sublimste Form ihrer Tüchtigkeit an. Heute hat es diese Aura verloren, doch das Streben nach immer mehr geht unvermindert weiter. Bei meiner langen Beschäftigung mit englischer Kultur habe ich den englischen Landschaftsgarten stets als eine Art Gegenentwurf zum Faustischen empfunden. Mir scheint, als würden die Engländer jetzt aus eben diesem Grund den Rückzug in ihre Welt der Englishness antreten. Unter den drei hier betrachteten Kulturen ist die Englische noch immer die am stärksten ritualisierte. Das gilt vor allem für die Regionen, die sich mehrheitlich für den Brexit entschieden haben. Rituale sind hier selbst im politischen Leben von großer Bedeutung, da sie das Fehlen einer geschriebenen Verfassung ausgleichen müssen. Die Brexit-Befürworter kamen zum größten Teil aus dem Lager derjenigen, die von der Gentry-Kultur geprägt sind, deren Verschwinden als Verlust von Heimat empfunden wird. Was für reiche Landadlige der Landschaftsgarten war, ist für die weniger Betuchten der Garten am Haus. Engländer sind leidenschaftliche Gärtner. Solche findet man zwar auch in Deutschland, doch typisch für uns Deutsche ist nicht die Liebe zum Garten, sondern noch immer die zum Wald. Er vermittelt das, was die deutsche Kultur seit der Romantik bestimmte: ein Gefühl der Geborgenheit in einem Großen Ganzen. Nach dieser Geborgenheit sehnen sich diejenigen, die fürchten in einem globalisierten Meer unterzugehen. In Amerika sind es vor allem die weißen Evangelikalen, die sich vor dem Aufgelöstwerden fürchten. Sie sehnen sich zurück nach der shining city on the hill . Die Sehnsucht zurück in eine bedrohte oder verlorengeglaubte kulturelle Heimat ist das, was die identitäre Bewegung antreibt. Dabei gäbe es einen einfachen Weg dorthin: eine globale Kultur der Genügsamkeit. Würde jeder Mensch nur das erwerben und verbrauchen, was er oder sie für ein entbehrungsfreies Leben braucht, würde sich der Lebensradius jedes Einzelnen drastisch verringern. Genug ist genug - oder etwas poetischer auf Englisch: enough is as good as a feast. Wären alle Menschen ab heute mit dem zufrieden, was sie für ihren Lebensunterhalt und ein wenig Alltagsluxus brauchen, wäre unsere Zivilisation ökologisch gerettet. Doch ökonomisch würde sie in wenigen Wochen zusammenbrechen. Vielleicht sollte der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften alljährlich in einen Fonds gezahlt und die Gesamtsumme erst dann vergeben werden, wenn jemand ein funktionierendes Modell für eine genügsame Weltwirtschaft vorlegt.

Ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, meine aufklärerischen Traumtänzereien wahlweise einem der von mir geschätzten Herren Korf und Palmström aus dem Hause Morgenstern in den Mund zu legen. Diesmal ist Palmström an der Reihe, dem ich mein Schlusswort anvertraue:

Palmström, kontemplativ
(mit Gruß und Dank an Morgenstern)

Palmström hasst die Aktivisten,
die als Leistungsfetischisten
einem einz´gen Ziel nachstreben:
besser sein als der daneben.

Denkt sich einer einen neuen
Sport aus, um sich dran zu freuen,
kommen gleich die Aktivisten
und verfassen Weltbestlisten.

Palmström will die Welt verbessern
und er zeigt den Kräftemessern,
wie der Mensch durch In-sich-gehen
lernt sich selber zu verstehn.

"Lasst, Ihr Wesen mit Vernunft,
ab von dieser dumpfen Brunft
und besinnt Euch auf die ratio.
Übt Euch in der contemplatio."

Dies war seine Botschaft und
bald schon war sie allen kund,
und im Nu entstanden kleine
Kon-tem-pla-ti-ons-Vereine.

Diese schlossen einen Bund
weltweit auf dem Erdenrund,
und dann ließ man jährlich küren
Weltmeister im Kontemplieren.

BERLINER SOMMER-UNI 2020

35. BERLINER SOMMER-UNI mit der Technischen Universität Berlin
24. August – 30. August 2020
"Globale Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit"

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Haus L (Raum 510),
12249 Berlin Lankwitz

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