Eröffnung der 34. BERLINER SOMMER-UNI
26. August - 1. September 2019
Kultureller Austausch und Heimat - Was Künste zu Identitäten beitragen


Sehr geehrter Herr Bundestagspräsident a.D. Wolfgang Thierse,
sehr geehrte Frau Sherry Hormann,
sehr geehrter, lieber Herr Prof. Dr. Norbert Palz
meine sehr geehrten Damen und Herren,
liebe Mitglieder der Berliner Akademie,
hier in der Universität der Künste begrüße ich Sie herzlich als Vorsitzender der Berliner Akademie für weiterbildende Studien zu unserer 34. BERLINER SOMMER-UNI, die wir in diesem Jahr gemeinsam ausrichten zum Thema:
Kultureller Austausch und Heimat - Was Künste zu Identitäten beitragen

Herzlich willkommen!


Für die UdK spricht zu uns Prof. Dr. Norbert Palz. Er ist erster Vizepräsident der UdK. Zum Architekturstudium an der Technischen Universität kam er nach Berlin und als Professor für "Digitales und Experimentelles Entwerfen" ist er seit dem Jahr 2010 an der UdK aktiv.
Geboren 1970 in Zweibrücken begann seine Berufslaufbahn mit einer Bauzeichnerlehre in Saarbrücken. Die Liste der Orte seines Wirkens ist lang und vielfältig, beginnend mit Architekturbüros in Amsterdam und Rotterdam. Bei seiner Arbeit fokussierte er sich auf digitale Entwurfs- und Fabrikationsprozesse in Kunstprojekten, u.a. bei Olafur Eliasson und Monica Bonvicini. Ein Promotionsstipendium an der Königlichen Kunstakademie führte ihn 2007 nach Kopenhagen.
Die Liste der Workshops (u.a. Brighton, Wien, Tel Aviv, Oslo, Aalborg) und Symposien, bei denen er mitwirkte, und seiner Vortragstätigkeit im In- und Ausland ist (leider!) zu lang, um hier vorgetragen werden zu können. Lassen Sie mich zum Abschluss seiner Vorstellung nur eines sagen: Bei seiner Arbeit geht es vor allem um Kunst, Architektur und Technologie.


< Begrüßung durch Prof. Dr. Norbert Palz >


Lieber Herr Palz,

mit dieser wissenschaftlichen und kulturtheoretischen Einführung in die Vielfalt der Themen unserer Sommer-Uni haben Sie fokussiert und präzise unsere gemeinsamen Anliegen vorgestellt. Und vielen Dank für den Hinweis auf die Arbeit unseres Teams, bei der es uns stets um Austausch, Entscheidungsfindung und Freude an der Sache ging.

Mit Afrika hat alles begonnen. Diese Erkenntnis stand im Mittelpunkt unserer letztjährigen Sommer-Uni. Sie bildete den Auftakt für das Rahmenthema "Identität - Migration - Heimat", an dem sich für einen Zeitraum von vier Jahren unsere Sommer-Unis ausrichten, die wir gemeinsam mit den vier Berliner Universitäten veranstalten.

Diese Sommer-Uni rückt mit ihren Themen die Aspekte Gleichwertigkeit, Fairness, Respekt, Anerkennung, Solidarität als die Schlüssel für menschlichen Umgang in den Fokus. Sie fragt danach, welchen Beitrag liefern die Künste, was leisten Künstlerinnen und Künstler dabei, wie tragen sie zum Selbstgefühl von Menschen und ihrer Vielfalt von Identitäten bei.

Und es geht um die Aufgaben von Politik und von Bildung und deren Anteil bei der Herausbildung nationaler Eigenheiten.


"Heimat ist da, wo man sich nicht erklären muss."
So Johann Gottfried von Herder - so einfach, so schön und so schwierig. Denn was bedeutet "Heimat" im Jahr 2019 in Deutschland?
Herder wurde 1744 geboren - übrigens gestern, also am 25. August vor genau 275 Jahren.


In der öffentlichen, insbesondere der politischen Auseinandersetzung wird heftig um den Begriff "Heimat" gerungen. Wie eine Fieberkurve nimmt in als kritisch empfunden Zeiten die Kontroverse zum Thema Heimat zu. Und ja, wir haben ein Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat - also ein Heimatministerium. Und auf dessen Homepage können Sie lesen: "Heimat ist dort, wo sich Menschen wohl, akzeptiert und geborgen fühlen." Andererseits gehört zu den erfolgreichen Veröffentlichungen dieses Jahres der Essayband "Eure Heimat ist unser Albtraum", mit dem sich 14 deutschsprachige Autorinnen und Autoren gegen ein völkisch verklärtes Konzept von Heimat wenden. Diesem Spannungsverhältnis gilt es nachzugehen.


Deshalb haben wir den Begriff "Heimat" an den Anfang gestellt und mit der Frage nach nationaltypischen Eigenheiten verbunden. Das Auftaktreferat hält Dr. Wolfgang Thierse zum Thema "Darf Heimat eine Aufgabe für Politik sein?"


Nach der Kaffeepause schließt das Gespräch mit Sherry Hormann an:
"Kultur und Identität - vertraute Heimat, fremde Familie". Sherry Hormann ist Regisseurin zahlreicher Filme für Kino und Fernsehen. Mit dem Film "Nur eine Frau", der in diesem Jahr in unsere Kinos kam, geht sie den Gründen nach, die zur Ermordung der 23-jährigen Hatun Sürücü im Jahr 2005 führten - und ihr Film gibt der Ermordeten eine Stimme. Hatun Sürücü fand in Deutschland eine Heimat und sie fand ihren Weg, aber ihre Familie wollte das nicht akzeptieren. Einen weiteren Film von Sherry Hormann konnten Sie vor einigen Tagen im Programm der ARD sehen: "Operation Zucker. Jagdgesellschaft". Verbrechen an Kindern, deren Missbrauch und Menschenhandel, verübt in der Mitte unserer Gesellschaft, sind die Themen dieses Films.


Ich bin gespannt auf den Vortrag von Wolfgang Thierse und das Gespräch mit Sherry Hormann.


Für die folgenden Tage werden sie sehen, dass sich eine konstituierende Feststellung wie ein roter Faden durch unser Programm zieht: "Die Würde des Menschen ist unantastbar".


Das Jahr 2019 ist ein Jubiläumsjahr für unsere Verfassung. Das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland trat am 24. Mai 1949 - also vor 70 Jahren - in Kraft. Und im Hinblick auf unsere Verfassungsgeschichte gibt es noch ein weiteres Jubiläum: Vor 100 Jahren, am 14. August 1919 wurde die Verfassung des Deutschen Reichs verkündet, allgemein auch Weimarer Verfassung genannt. Sie war die erste demokratische Verfassung Deutschlands.


Doch zurück zu Artikel 1 unseres GG: was ist denn die Würde des Menschen, was ist seine Identität? In Artikel 3 finden wir das Gleichheitsrecht, und damit auch Stichworte für die Frage nach Identitäten:


"Niemand darf wegen seines Geschlechts, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden".


Der Dienstag ist der Interkulturellen Kommunikation und den Medien gewidmet, denn Kultur ohne Interaktion ist nicht vorstellbar. Menschen lassen Kultur im kommunikativen Austausch untereinander entstehen, wobei Sprache in den Künsten eine wichtige Bedeutung hat. Die vielfältigen Bestrebungen des Austauschs zwischen den Kulturen werden durch Erzählen, durch Literatur und Theater gestärkt. Und gerade das Theater bietet Möglichkeiten einer gleichberechtigten Teilhabe von Künstlerinnen und Künstlern, Autorinnen und Autoren unterschiedlichster Identitäten. Womit wir bereits bei unseren Mittwoch-Themen sind.


Am Donnerstag werden Aspekte von Kunst, Herkunft und Politik behandelt. Künstlerpersönlichkeiten reflektieren Kiez und Globales mit ihrem Schaffen. Mit der großen Palette künstlerischer Möglichkeiten werden Erfahrungen der Migration kommuniziert. Erlebnisse der Diskriminierung finden auf den Ebenen der Künste ihren Ausdruck.


In unserem Alltag ist von allen Künsten wohl am augenfälligsten die Architektur mit ihren Bauten, ihren Werken. In der Stadt wie auf dem Land geht es um Heimat und Identitäten und es werden Fragen diskutiert wie die, ob denn dieses oder jenes Gebäude auch zu "unserer Heimat" passt. Baukulturen zwischen Tradition und Innovation werden uns am Freitag beschäftigen.


Den Ausklang am Samstag bilden Auseinandersetzungen um Identitäten. In Deutschland haben Ausgrenzung und Abwertung von Menschengruppen zu einem furchtbaren Zivilisationsbruch geführt. Deshalb wird die Frage nach den sogenannten "neuen" Rechtsintellektuellen und ihren historischen Wurzeln gestellt. Zum kulturellen Austausch gehört auch die Frage, wie sich Deutschland kulturell im Ausland darstellt und welches Bild von Deutschland dabei vermittelt wird.


Wie die meisten von Ihnen bereits wissen, ist unsere Sommer-Uni auf Nachhaltigkeit angelegt. Im Rahmen der Seniorenuniversität der Charité Berlin schließt sich eine Vortragsreihe in der Zeit von Oktober bis Mai 2020 zum Thema "Künste - Kiez und Kosmos" an. Einen Überblick über die Themen und die genauen Termine finden Sie im Programmheft ebenso wie auf unserer Homepage www.BerlinAkademie.de


Die Plenarvorträge an den Vormittagen werden wie immer durch seminaristische Vorträge, thematisch ergänzende Besichtigungen und Führungen sowie kulturelle Veranstaltungen an den Nachmittagen ergänzt. Bei diesen fakultativen Angeboten werden Sie zwei weitere Jubiläen entdecken, die in den letzten Monaten in der Öffentlichkeit bereits erhebliche Beachtung fanden. Vor 100 Jahren begann das Bauhaus in Weimar mit innovativen Vorstellungen vor allem zu Gestaltung und Architektur einen weltweiten Siegeszug. Und in diesem Jahr jährt sich zum dreißigsten Mal der Fall der Mauer. Was soll’s: diese Sommer-Uni ist eben auch eine der Jubiläen.


Wenn wir gemeinsam diese Woche bei der Sommer-Uni verbracht haben werden, dann steht uns der Sinn nach einem Ortswechsel, nach einem Ausflug. Das Ziel unserer Exkursion am Sonntag ist die Fontanestadt Neuruppin. Das Land Brandenburg feiert mit Lesungen, Konzerten, Theaterstücken und Ausstellungen den 200. Geburtstag von Theodor Fontane - noch ein Jubiläum! Er gilt als bedeutendster deutscher Vertreter des literarischen Realismus. Seine "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" bilden noch heute für viele den Reiseführer durch das Land und in seinen Geburtsort. Und zugleich hat Theodor Fontane als Journalist seinem deutschen Publikum andere Kulturen nahe gebracht.


Einen Gedanken will ich ans Ende stellen:
"Ich habe gelernt, dass auch für schwierige Fragen Antworten gefunden werden können, wenn wir die Welt immer auch mit den Augen des anderen sehen. Wenn wir Respekt vor der Geschichte, der Tradition, der Religion und der Identität anderer haben."


Sie finden mich jetzt etwas altklug? Gut, ich muss zugeben, das war nicht von mir, sondern ein Zitat. In ihrer vielbeachteten Rede an der Harvard University in Cambridge / USA sagte dies am 30. Mai diesen Jahres Bundeskanzlerin Angela Merkel.
Ich find’s gut.


Bei den Fachvertreterinnen und Fachvertretern aus den verschiedenen Disziplinen, die bereitwillig Vorträge als Zusatzaufgabe übernommen haben, bedanken wir uns herzlich. Insbesondere bedanken wir uns bei Prof. Dr. Norbert Palz, Erster Vizepräsident, der für die Universität der Künste an der Vorbereitung von Anfang an mitgewirkt hat. Und wir sind der Universität der Künste und ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern insgesamt sehr dankbar für die gute Kooperation und die institutionelle Unterstützung.


Und nicht zuletzt danken wir auch den vielen Mitgliedern der BERLINER AKADEMIE, die bei der Planung und Vorbereitung mitgeholfen haben und bei der Organisation der 34. BERLINER SOMMER-UNI mitwirken. An dieser Stelle will ich einen besonderen Dank aussprechen: über Jahrzehnte hinweg engagiert bei der Vorbereitung des Sommer-Unis und verantwortlich für die Betreuung der Helferinnen und Helfer, seit 1985 Mitglied und engagiert in unterschiedlichen Verantwortlichkeiten: Frau Anna Hansi. Weil für die jahrelange Mitarbeit ein Blumenstrauß als Dank nicht ausreichen kann, hat sich der Vorstand etwas einfallen lassen, um Sie zu überraschen, worüber wir aber gern erst mit Ihnen, Frau Hansi, sprechen möchten. Einen Applaus für Frau Hansi!


In diesem Jahr haben wir erstmals das LernCafé ankündigen können: das erste deutsche online-Journal bietet Ihnen die Möglichkeit, Ihre Lust am Schreiben zu erproben, Wissen zu erweitern und von der Sommer-Uni zu berichten. Sie finden Berichte unter www.lerncafe.live


Für die nächsten Tage wünsche ich Ihnen den erwarteten Wissenszuwachs, einen produktiven Austausch untereinander, viele bewahrenswerte Eindrücke und vor allem viel Freude!


Ferdinand Nowak
Vorsitzender der BERLINER AKADEMIE für weiterbildende Studien e.V.